Leseprobe

Kapitel 1 · Band 1 · Das Ewige Lied

Was auf dem Dach als Sommerabend
unter Sternen begann —
ändert sich in einer Nacht für immer.

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Nico Wojtera

Das Ewige Lied

Ein Loch
in der Sonne

Band 1

„Göttlich.“

Ein neongrüner Krümel Wasabi-Zimt-Crunch-Gewürz fiel herab und landete auf der alten Wolldecke.

„Ich sag’s dir, Lyss, diese Chips sind einfach nicht von dieser Welt.“

Alyssa sah auf die regenbogenfarbene Tüte zwischen ihnen. „Das ist kein Snack, Jenny, das ist ein chemischer Hilferuf. Wer kombiniert japanischen Meerrettich mit Weihnachten?“

„Leute mit Visionen, Lyss! Du bist einfach zu feige für echte kulinarische Abenteuer. Immer nur deine Haluma Paprika Classic.“

„Ich bin nicht feige“, erwiderte Alyssa ruhig und schnippte den neongrünen Krümel von ihrer Decke. „Ich habe nur funktionierende Geschmacksnerven. Haluma ist berechenbar. Haluma ist stabil.

„Du bist immer so steif, Lyss.“

„Ich bin korrekt!“

Alyssa sitzt auf dem Dach und schreibt unter dem Sternenhimmel

Worin sie sich aber einig waren, war: sich die alte Wolldecke zu schnappen und sich damit einen schönen Sommerabend auf dem Dach zu machen. Sie roch nach Waschpulver und ein ganz kleines bisschen nach warmer Dachpappe.

Jetzt lagen sie nebeneinander und teilten sich die abstruseste Tüte Chips, die Jenny im Supermarkt hatte finden können. Über ihnen war der Himmel so klar, so weit und so voll mit Sternen, dass Jenny alle dreißig Sekunden ein neues Sternbild erfand.

„Das da ist der Große Löffel.“

„Das ist der Große Wagen, Jenny.“

„Und das da – siehst du? Die drei hellen und dann die zwei kleinen daneben – das ist der Schiefe Flamingo.“

„Den gibt es nicht.“

„Jetzt schon. Ich hab ihn gerade erfunden. Und das da –“ Jenny richtete sich halb auf, einen Chip zwischen den Fingern wie einen Zeigestock – „das ist Kevins Augenbraue.“

„Kevin aus Bio?“

„Kevin aus Bio. Siehst du die Form? Genau wie seine rechte. Die, die immer hochgeht, wenn er was nicht versteht. Also immer.

Alyssa lachte. Nicht das höfliche Lachen, das sie für den Rest der Welt übrig hatte, sondern das echte, das von unten kam, das Jenny herauskitzeln konnte wie sonst niemand.

Der Juli lag warm und schwer auf der Kleinstadt. Die Dachpappe unter der Decke strahlte noch die Hitze des Tages ab. Irgendwo lief ein Rasensprenger. Zwei Straßen weiter rollte ein einsames Skateboard über den Asphalt – ein rhythmisches Klack-Klack, das in der Stille verhallte.

Grillen. Der Geruch von gemähtem Gras und dem Nachbars-Grill, der seit Stunden aus war aber immer noch roch. Die Welt war klein, sicher, vollkommen unbedeutend. Das war genug.

„Ich sag’s dir, Lyss, die sind da oben.“

„Wer?“

„Die gummiartigen Zyklopen-Menschen vom Eredamus.“

““

Alyssa kaute einen Haluma-Chip und überlegte kurz, ob sie nachfragen sollte. Sie tat es. „Die gummiartigen… was?“

„Zyklopen-Menschen! Vom Eredamus! Marc hat da wieder ne neue Geschichte geschrieben“, platzte Jenny heraus und fuchtelte wild mit einem Arm in Richtung Sternenhimmel. „Hundertprozentig! Die hocken da oben, gucken durch ihre riesigen Einaugen-Teleskope runter und fragen sich, wie zur Hölle man freiwillig langweilige Paprikachips essen kann. Glaub’s mir, Alyssa!“

„Jenny, das klingt wie ein fieberhafter Comic aus den Siebzigern.“

„Marc schreibt echt gut! Du solltest den mal lesen.“

Eine Silhouette sitzt auf dem Dach und blickt in den Sternenhimmel

Jenny legte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Alyssa sah ihr Profil gegen den Sternenhimmel – die Stupsnase, das Kinn, das immer ein bisschen vorstand, wenn sie nachdachte, der schiefe Zopf, der schon wieder halb aufgegangen war.

Alyssa sagte nichts. Sie sah die Sterne, die für sie nur aus Wasserstoff, Helium, Kernfusion und Entfernungen in Lichtjahren bestanden. Sie wusste das alles. Und manchmal wünschte sie, sie wüsste es nicht – wünschte, sie könnte den Himmel sehen, wie Jenny ihn sah: als einen gigantischen, bunten Spielplatz voller gummiartiger Zyklopen.

„Oh! Lyss! Sternschnuppe!“

Jenny schoss hoch. Sie kniete auf der Decke und zeigte in den Himmel. Tatsächlich – ein Lichtstreifen, hell und weiß, zog eine Bahn über das Dunkel.

„Schnell! Wünsch dir was!“

Jenny kniff die Augen zu. Sie wünschte sich etwas mit der ganzen bedingungslosen Überzeugung eines Menschen, der noch nie einen Grund gehabt hatte, nicht an Sternschnuppen zu glauben.

Alyssa sah den Lichtstreifen und runzelte die Stirn. Die Flugbahn war falsch. Sternschnuppen verglühten. Das hier wurde heller. Es kam herunter. Steil. Direkt.

„Jenny.“

„– und ich wünsche mir –“

„Jenny. Das ist keine Sternschnuppe.“

Jenny öffnete die Augen. Das Licht am Himmel war jetzt deutlich größer. Ein sattes Blau, das an den Rändern ins Violette kippte und in der Mitte so hell brannte, dass es wehtat, direkt hinzusehen.

„Was –“

„Das ist ein Meteorit. Und er kommt –“

Der Himmel riss auf. Eine Sekunde lang war die Nacht taghell. Ein Donnern folgte, so tief, dass es im Brustkorb saß. Die Dachziegel vibrierten, die Tüte Wasabi-Zimt-Chips verabschiedete sich in die Regenrinne.

Dann wieder Dunkelheit. Stille. Am Horizont stieg eine gewaltige Staubwolke auf.

„Holy shit“, keuchte Jenny. „… Zählt mein Wunsch trotzdem?“

Alyssa klemmte schon halb im Dachfenster. „Wenn dein Wunsch war, da jetzt sofort hinzufahren, geht er in Erfüllung.“

„Was? Jetzt? Lyss, es ist mitten in der Nacht!“

„Jetzt, Jenny. Weißt du, wie unfassbar selten das ist? Ich muss wissen, wie das aussieht, bevor alles abgesperrt wird. Das ist Physik in Echtzeit. Kommst du?“

Jenny sah Alyssa in die Augen – und was auch immer sie dort sah, es reichte. „… Ja. Klar. Natürlich komm ich.

Jenny fährt nachts auf ihrem Fahrrad durch die Kleinstadt

Sie nahmen die Fahrräder. Jennys lehnte im Keller an einem der Fässer die dort seit Tagen standen. Die Henderson Farm lag zwanzig Minuten entfernt. Wind im Gesicht, warme Nachtluft, der Geruch von Feldern die den ganzen Tag in der Sonne gelegen hatten. Die Straße war leer. Kein Auto, kein Licht. Nur die Reifen auf dem Asphalt und Jennys Kette die bei jeder dritten Umdrehung klickte.

Im Bauernhaus brannte kein Licht – Henderson war zweiundsiebzig und schlief mit Ohropax. Das wusste die halbe Stadt, weil er sich regelmäßig darüber beschwerte, dass sein eigener Dackel nachts Kläff-Attacken gegen unsichtbare Eichhörnchen fuhr.

Tatsächlich hörten sie das Tier schon von Weitem. Ein hysterisches Kläffen.

Ein schneller Blick über Hendersons Maschendrahtzaun. Alyssa fand einen schiefen Pfosten. Sie hielt den Draht hoch, und Jenny zwängte sich hindurch. Ein hässliches Ratsch durchschnitt die Nacht.

„Alyssa! Jetzt bin ich echt sauer! Ich habe mein Geburtstags-Shirt von Tyler aufgerissen!“

Alyssa schlüpfte hinterher, klopfte sich beiläufig den Staub von den Ärmeln und sah Jenny mit einem trockenen Grinsen an. „Beruhig dich, Jen. Vielleicht solltest du zur Abwechslung mal Tyler aufreißen, statt ständig nur deine Klamotten.“

Jenny schnappte nach Luft. „Das ist überhaupt nicht witzig, Lyss!“

„Notiert. Und jetzt komm.“

Sie rannten durch das brusthohe Weizenfeld. Die Halme schlugen gegen ihre Arme, trocken und rau. Dann blieb Alyssa abrupt stehen. Vor ihnen öffnete sich der Krater. Wärme stieg aus dem Boden, als hätte jemand einen Ofen aufgeheizt. Es roch intensiv nach verbrannter Erde und versengtem Gras. Und dort, mitten in der aufgeworfenen Erde, rannte Hendersons Dackel unermüdlich im Kreis und kläffte den Kraterrand an.

„Kann das Vieh mal die Klappe halten?“, murmelte Alyssa.

„Er hat wohl die Zyklopen gewittert“, flüsterte Jenny. „Lyss, wo ist der Meteorit?“

Alyssa antwortete nicht. Sie rutschte den Hang hinunter und suchte den Boden ab. Und dann sah sie ihn. Ein Stein. Faustgroß. Glatt. Ein tiefes, mattes Blau.

Alyssa kniete sich hin und griff danach. Er saß fest. Warm – wärmer als die Erde drumherum. Sie grub mit den Fingern und ihrem kleinen Taschenmesser in der warmen Erde, während der Dackel über ihr immer schriller bellte.

„Lyss!“, schrie Jenny. „Da kommen Autos!“

Hinter Jenny näherten sich Scheinwerfer und Blaulicht. Zwei Streifenwagen.

„Ich brauch zwei Minuten“, sagte Alyssa.

„Wir HABEN keine zwei Minuten!“

„Doch. Wenn du sie aufhältst. Sag ihnen, du bist siebzehn und neugierig. Stell Fragen. Sei nervig. Sei einfach du.

„Du willst, dass ich da allein hingehe? Für einen verdammten Kiesel?“

„Außerdem war ich noch nie in meinem ganzen Leben nervig! Nicht einmal!“

„Ich weiß nicht warum, aber ich muss, Jenny. Bitte.“

„Ich hasse dich“, sagte sie und rannte in Richtung der Scheinwerfer.

Alyssa grub. Zwei Nägel brachen ab, es war ihr egal. In der Ferne hörte sie Jennys Stimme: „– oh mein Gott, waren das die Einäugigen? Kommen die wirklich um unsere Blinddärme zu stehlen wie in Marcs Geschichte?“

„Antworten Sie, Herr Polizist!“

„Oh nein! Ich muss ganz schnell los. Meinen Blinddarm bekommen die nicht!“

Der Stein löste sich. Alyssa steckte ihn ein und rannte zum Zaun.

Sie fanden sich am Radweg wieder, rissen ihre Fahrräder hoch und traten in die Pedale. Erst am Ende der Landstraße hielten sie an. Jenny keuchte, ihr T-Shirt hing in Fetzen.

„Also“, stieß sie hervor. „Was hast du gefunden?“

Alyssa hielt den blauen Stein ins Licht der Laterne.

„Ein Stein“, stellte Jenny flach fest. „Ich hab nach Alienrechten gefragt. Mein Shirt ist im Arsch. Und du hast einen Kiesel.“

„Er ist… besonders.“

„Steine hab ich auch im Vorgarten, Lyss! Hätte ich dir geschenkt!“ Jenny schüttelte den Kopf. „Du bist die seltsamste Person, die ich kenne.“

„Ich weiß.“

„Du schuldest mir drei T-Shirts. Und Frozen Yogurt für einen Monat.“

„Deal.“

Sieben Noten, immer die selbe kleine Melodie. Alyssa summte auf dem Weg nach Hause ein kleines Liedchen. Sie wusste selbst nicht, wo sie diese Melodie schon mal gehört hatte.

Zu Hause fand der Stein auf Alyssas kleinem Nachttisch seine neue Ruhestätte. Ein wärmerer Ort als der Krater auf Hendersons Farm.